MAASTRICHT

Fotos: Jonathan Vos, Philip Driessen, Paul Mellaart, Studiopress/Fotoprodukties BV

Mini-Metropole mit ungewöhnlicher Unterwelt

Unterirdisch. An dieser Vokabel kommt Cor Halmans einfach nicht vorbei, wenn er über seine Stadt spricht.

Die  Handelsrouten aus der Römerzeit, das Leben am Fluss, der Karneval, die Weinberge und die 450 Restaurants – all das sei wunderbar und präge Maastricht maßgeblich. Doch am außergewöhnlichsten seien nun einmal die Grotten von Sint Pieter. Nur ein paar Hundert Meter südwestlich des Stadtzentrums erhebt sich eine Hügelkette. Diese ist nicht weiter auffällig, aber sie besteht zu einem großen Teil aus Mergelstein. Ein begehrter Rohstoff in vergangenen Jahrhunderten: „Von der Westerkerk in Amsterdam bis hin zum Kölner Dom wurde Mergel aus Maastricht bei vielen Bauwerken als Material verwendet.“ Schon im 16. Jahrhundert wurde das Gestein in großen Blöcken unter Tage abgebaut. So ist ein Labyrinth aus mehr als 20.000 Gängen entstanden, das bis weit nach Belgien hineinreicht.

SPUREN VON BEWOHNERN UND BESUCHERN
Die Gänge in den weitläufigen Katakomben sind maximal dreieinhalb Meter breit. Sonst, erklärt Halmans, würde das Konstrukt nicht halten. Zur Illustration zeigt er mit dem Lichtkegel seiner Ta schenlampe immer wieder auf Risse. Auf dieselbe Weise inszeniert er die vielen Spuren, die Besucher und Bewohner der Grotten hinterlassen haben. Schon früh hatten Künstler die endlosen Wände als Projektionsflächen für ihre Fantasie entdeckt. Als später der Tourismus ein immer größerer Faktor wurde, begannen Unternehmen damit, hier ihre Produkte anzupreisen – mit der Bildersprache aus den Anfangstagen der Werbung. Auch Strategen waren früh auf die Bedeutung der Grotten aufmerksam geworden: Zar Peter der Große und Napoleon haben die Örtlichkeiten persönlich erkundet. Im Zweiten Weltkrieg dann haben Tausende Niederländer über Monate hinweg in den Höhlen gelebt. Eine unterirdische Bäckerei und mehrere Kapellen erinnern heute noch an die angstvollen Jahre, als die Gänge komplett elektrifiziert waren. „Viele“, sagt Halmans, „mussten den Aufenthalt bei konstant neun Grad mit Rheuma bezahlen.“ Von den Werken Vermeers bis zu denen von Rembrandt wurden damals fast alle nationalen Kulturschätze hier versteckt.

GEHEIME KONZERTE
Versteht sich, dass ein solch aparter Ort im Event-Zeitalter nicht ungenutzt bleibt: Rund 100.000 Besucher lassen sich jährlich durch die Unterwelt führen. Mal werden Schauergeschichten dabei erzählt. Dann wieder lockt ein unterirdischer Weihnachtsmarkt. Und Halmans beteuert, dass André Rieu, der vermeintlich bekannteste Sohn der Stadt, hier immer wieder Geheimkonzerte gibt, denen jüngst Prinzessin Maxima und Prinz Willem Alexander beigewohnt haben sollen. Auch ebenerdig aber muss sich die Mini-Metropole an der Maas nicht verstecken: In den Einkaufsstraßen ist der Trubel vor allem an Samstagen beträchtlich. Auf dem Marktplatz preisen die Händler Matjes und Makrelen an. Die modebewussten Südlimburger begeben sich in den kleinen Boutiquen von Stokstraat und Grote Straat auf die Suche nach eleganter Kleidung. Gerne zelebrieren die „Mestreechtenaren“, die einen auch für Niederländer nur schwer verständlichen Dialekt sprechen, ihre relative Nähe zu Frankreich. „Wir sind schneller in Paris als in Groningen“, erklärt Halmans nicht ohne Genugtuung. Und deshalb fröne man auch eines gewissen Hedonismus. Das heißt: In Maastricht mag man gutes Essen. Nicht weniger als fünf mit Michelin-Sternen dekorierte Restaurants bezeugen dies. Auch gibt man sich gerne vornehm: „Wenn wir ins Theater gehen“, so Halmans, „dann immer im Anzug. Und die Frauen in nicht zu kurzen Röcken.“ 

KEINE SELBSTGEFÄLLIGKEIT
Mit all dem könnte Maastricht ebenso zufrieden sein. „Wir haben Jahr für Jahr 20 Millionen Besucher", sagt Halmans. Nur Amsterdam überbietet diese Zahl in den Niederlanden. Doch die Stadt ruht sich nicht selbstgefällig aus: Nur wenige Schritte vom Zentrum entfernt, führt eine elegante neue Fußgängerbrücke über die Maas in das Viertel „Ceramique“. Wie der Name schon andeutet, waren hier einst Produktionsstätten der Keramikindustrie beheimatet. Mittlerweile jedoch ist das Areal mit seinen experimentellen Neubauten so etwas wie das Yuppie-Viertel der Stadt. Optischer Dreh- und Angelpunkt ist das Bonnefanten-Museum, das 1995 vom italienischen Star-Architekten Aldo Rossi erbaut wurde.

Drastische Veränderungen hat auch die Dominikanerkirche im Zentrum hinter sich: Weil für das Gotteshaus keine Verwendung mehr bestand, durfte eine Buchhandlung hier einziehen. „Die schönste der ganzen Welt“, sagt Halmans entschieden. Aus Respekt vor dem Dominikaner-Orden haben sich alle Beteiligten darauf geeinigt, dass die Kirche innerhalb von drei Monaten wieder in den Originalzustand zurückversetzt werden kann – so es die Mönche denn wünschen. Die Geistlichen haben im katholischen Maastricht stets zum Stadtbild gehört. Genau wie der Karneval, der in puncto Ausgelassenheit der rheinischen Variante in nichts nachstehen soll. Auf dem Vrijthof, dem gefühlten Stadtmittelpunkt, erinnert ein Ensemble einschlägiger Statuen an die fünfte Jahreszeit: es sind lauter betrunkene Musikanten.

TROPHÄE IM FALTKARTON
Die Cafés am Vrijthof sind gleichzeitig der Ort, wo sich am fortgeschrittenen Samstagnachmittag die eine Hälfte der Bevölkerung  niederlässt. Ermattet fallen sie in die Korbstühle, um sich von den Einkaufsstrapazen zu erholen. Die andere Hälfte trägt einen flachen Faltkarton, der an einer Kordel baumelt. In den schlichten Behältnissen befindet sich ein Vlaai, ein Kuchen, der typisch ist für die Provinz Zuid-Limburg. Mal wird er mit Aprikosen oder Kirschen gefüllt. Am unwiderstehlichsten aber ist er, wenn er mit der traditionellen lockeren Reispuddingcreme daherkommt. Wer das probiert hat, weiß genau, warum Halmans das Leben in Maastricht geradezu himmlisch findet.

 

Weitere Informationen:

Maastricht ist ganzjährig ein attraktives Ziel für eine Wochenendreise. Bahnverbindungen von Deutschland via Venlo oder Aachen sind vorhanden, allerdings ist die Benutzung der Strecken eher umständlich. Parkplätze sind zum Beispiel an der Kennedybrücke günstig verfügbar (7 € pro Tag). Die Grotten von Sint Pieter können im Winter meist nur an den Wochenenden besichtigt werden. Führungen kosten 4,95 € (3,95 € ermäßigt). Die genauen Zeiten sind im Internet vermeldet. An Wochenenden bietet die Reederei Stiphout auch Kombi-Tickets inklusive Bootsfahrt ab Zentrum und Besuch des Bonnefanten-Museums, 12,15 €.
www.maastrichtunderground.nl
http://www.striphout.nl

http://www.vvvmaastricht.eu 

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