Graubünden

Graubünden

Einer der größten Architekten, Peter Zumthor, lebt in einem Tausend-Seelen-Dorf bei Chur. Kaum ist in dem Schweizer Kanton ein neues Bauprojekt entstanden, schon wird es mit Architektur- preisen überschüttet.

Selbst Jugendherbergen sind hier preisgekrönt. Von wegen, Graubünden sei ein Land der Steinböcke. Es ist ein Land der Steinblöcke. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, dass Peter Zumthor jemals das Haar schulterlang getragen hat. Wie viele Architekten der Stargilde trägt er heute weiße Stoppeln zum minimalistischen Outfit. Ganz anders als in den 1970er-Jahren. Da war er ein Hippie. Es war die Zeit, als er von Basel nach New York und dann in den östlichen Schweizer Kanton Graubünden übersiedelte. Als er sich in Haldenstein bei Chur niederließ, da war der weltgewandte Architekt ein Exot, und die Dorfbewohner schauten genau hin, was der langhaarige Peter so machte. „Der Dorfpolizist hockte auf der Wiese hinter seinem Haus und spionierte, ob der Zumthor da etwa kein Haschisch rauchte oder Sexpartys feierte“, amüsiert sich der Baumeister. „Klar wäre ich damals gern in New York geblieben, aber auch da dauert es lange, bis die eingesessenen Familien einen akzeptieren. Nur fällt es dort nicht sofort auf.“

 In dem knapp Tausend-Seelen-Dorf Haldenstein war der Pritzker-Preisträger immer nur der Zumthor. Ganz ohne Starallüren. Damals wie heute. Sein Haus und seine beiden Ateliers fallen auf den ersten Blick nicht auf. Für die Dorfbewohner ist es nichts Besonderes, wenn große Limousinen vorfahren. Hier lebt man bodenständig. Und das wirkt sich auf die Architektur des 67-jährigen Baumeisters aus. Sie wirkt immer sinnvoll und sinnlich. Auch ein gewisses Understatement geht von Zumthors Häusern, Museen, Denkmälern aus, die er in der ganzen Welt baut. Gegenwärtig betreut er zwei Projekte für das norwegische Straßenbauamt, im niederländischen Leiden verwandelt er einen alten Mehlspeicher in ein Kulturzentrum, in Doha lässt sich Zumthor ein Haus für den Scheich einfallen. Das aufregendste Projekt entsteht gegenwärtig in der Atacama-Wüste in Chile und wird ein Hotel. In Graubünden derweil hat Peter Zumthor bisher seine Lieblingsprojekte gebaut. Dazu gehört an erster Stelle die viel gerühmte Therme in Vals. Sie ist eine der wichtigsten Pilgerstätten für Architekturstudenten und Liebhaber von Thermenlandschaften in der Region. Man sollte sie aber von innen bestaunen, denn eingebettet zwischen einem Hügel, einem Hotelgebäude und Baumgruppen, muss man etwas länger nach einem Winkel suchen, will man von außen einen Blick auf den Steinblock werfen.

Vals ist anderthalb Stunden von Haldenstein entfernt.Bekannt ist das malerische Dorf für sein Valser Wasser und eben Zumthors Felsentherme. Hier hat der 67-jährige Architekt eine Entspannungsoase geschaffen, die die Welt bis zu ihrer Eröffnung 1996 noch nicht gesehen hat. „Damals kannte man Thermalbäder mit Rutschen. Es gab viele Sportbäder“,erinnert sich der Baumeister. Die Bilder der Therme gingen damals um die Welt, und nur zwei Jahre später wurde das Gebäude aus lokalen Gneisplatten unter Denkmalschutz gestellt. Von außen wirkt die Therme wie ein von Bodentiefen und kleinen Fenstern durchlöcherter Stein, der sich wiederum an einen Berghang schmiegt. Von innen geben große Fenster der Ruheräume den Blick frei auf die Valser Berglandschaft. Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Aber die Wirkung der aufeinanderfolgenden abgedunkelten Raumpassagen, die nach vorne zur Aussicht führen, ergeben insgesamt ein Gefühl von einer natürlichen Höhle. Weit im Inneren bleibt das Lichteher gedeckt bis dunkel. Einige Duschund Ruheräume sind sogar ganz schwarz. „Ich wollte, dass sich auch ältere Menschen in der Therme wohlfühlen. Man muss nicht super geschminkt hingehen“, so Zumthor, den man selbst in der Therme nicht mehr antreffen wird.Seit er den Oscar der Architektur erhalten zu sehen waren, hat er keine Privatsphäre mehr. „Herr Zumthor, das haben Sie extra gemacht, dass da auch alte Leute gut aussehen“, hat ihm mal eine ältere Dame ins Ohr geflüstert. An diesem Ort stimmt einfach alles: die kleinen Wasserrinnen, die man ganz bewusst umgehen muss, dann die Handläufe und Haltestangen aus Bronze. Selbst Beton bekommt hier eine samtweiche Oberfläche, zutraut. Peter Zumthor sucht die Materialien für seine Gebäude danach aus, welche Oberflächen man in sie projizieren kann. Hier wurde poliert, gesägt, geätzt,geflammt. Es steckt viel Arbeit dahinter.Aber wenn man diese Kathedrale der Entspannung betritt, sinkt der Puls um mindestens 30 Schläge. Eines kann man heute sagen: Als Zumthor 1979 in Haldenstein sein erstes Büro eröffnete, da hat er eine neue Ära der Graubündner Baukunst eingeläutet. Man fährt nicht mehr exklusiv nach St. Moritz oder nach Laax, um Ski zu fahren, sondern auch um Architektur zu gucken. Man geht nicht mehr in Flims wandern, ohne einen kleinen Architekturführer in der Tasche zu haben, denn in die Bündner Alpenlandschaft mit Steinböcken fügen sich Steinblöcke, die mindestens genauso aufsehenerregend sind. In den letzten 20 Jahren hat sich der östliche Schweizer Kanton zu einer der wichtigsten Regionen zeitgenössischer Architektur in den Alpen gemausert, obwohl sie schon immer eine große Rolle gespielt hat: Le Corbusier, einer der wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts, hat sich für sein berühmtestes Werk – die Wallfahrtskirche Notre- Dame-du-Haut de Ronchamp, die er in den 1950er-Jahren realisierte – in Graubünden inspirieren lassen. Genau genommen in der Engadiner Gegend. Das typische Egadiner Fenster, eine Art Trichterfenster, das je nach Ausrichtung das Licht im Zimmer auf einen ganz bestimmten Winkel lenkt, hat ihn so begeistert, dass er seine Wallfahrtskirche damit bestückte.Wenn der Globetrotter Zumthor mal von den vielen Projekten, die er gleichzeitig betreut, nach Hause kommt, dann fährt er mit Sicherheit ins Unterengadin. Warum? „Ich mag hier die Täler und die kleinen Bauernhäuser, die wie kleine weiße Würfel aussehen.“ Und überhaupt: Er ist „mit der Schweiz ganz zufrieden“ – wieder ein Understatement.

 

Graubünden Ferien
Alexanderstrasse 24 · CH-7001 Chur
www.graubuenden.ch
www.myswitzerland.com
Anreise Ab Zürich mit dem Zug nach Chur. Von hier mit dem Postauto nach Vnà, Laax und Flims. Oder weiter mit dem Zug nach Scuol. Tipp: Der Swiss Pass gilt für alle
Züge, Busse, Postautos und Fähren. Ein 4-Tage-Swiss Pass 2. Klasse ab 198 € p. P.
Hotels Hotel Therme, CH-7132 Vals
Fon +41 (0) 81/926 80 80, DZ ab 71 €,
www.therme-vals.ch

Romantik Boutique-Hotel GuardaVal, CH-7550 Scuol,
Fon +41 81/861 09 09, DZ ab 87 €,
www.guardaval-scuol.ch

piz TschÜtta, CH-7550 Scuol, Fon +41 (0)81/860 12 12,
DZ ab 75 €, www.hotelvna.ch
Buch Köbi Gantenbein u. a., Himmelsleiter
und Felsentherme. Architekturwandern in
Graubünden. Rotpunktverlag, 400 S., 32 €


 

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