Zürich

Lebst Du schon oder wohnst Du noch?
Zürich ist eine Stadt, die viel fordert, aber noch mehr gibt. Zeigt man die nötige Coolness und Lässigkeit gepaart mit einer elegant-gediegenen Note, bekommt man ihr unvergleichliches facettenreiches und kunstvolles Gesicht zu sehen.
Clifford Lilley sagt von sich: „Ich bin ein Zürcher.“ Seit 20 Jahren lebt der gebürtige Kapstädter in seiner Wahlheimat. Für die Stadt brauche man die nötige Coolness. Für ihn kein Problem, denn schließlich ist Clifford Personalshopper und Mode sein täglich Brot. So besucht er seine Klienten zu Hause und befreit die Kleiderschränke von altem und unmodernem Plunder, um sie anschließend mit den neuesten Trends zu füllen. Wo er die bekommt? In Zürich West: ein wahres Schmuckkästchen an kreativen und eigenwilligen Jung-Designern. Ganz im Berliner Vintage-Style mit einem abgewrakkten alternativen Touch. Mal verstecken sich die Lädchen im Hinterhof, mal in einer kleinen Seitengasse rund um die Langstraße. Von ausgeflippten handgemachten Brillen-Unikaten in einem ehemaligen Milchladen bis zum kleinen Schwarzen, selbstverständlich eigenwillig interpretiert – Ästhetik und Kunst beherrschen eben das Leben in West. Wie in ganz Zürich, denn die Stadt ist ein wahres Mekka für Kunstliebhaber. Sie bietet rund 100 Galerien und 50 Museen, von der „normalen“ Kunsthalle bis zu ausgeflippten Kunststätten wie das Cabaret Voltaire. Eines haben sie alle ge meinsam: ihre Lebendigkeit. Das macht Zürich so begehrenswert: Die herrliche Lage am See, die in der Ferne aufragenden Bergketten sowie das viele üppige Grün in der Stadt sorgen für den Rest Lebensqualität. Wer die Augen offen hält, bekommt überall in Zürich Kunst geboten. Wie die Chagall-Fenster in der Fraumünster Kirche, die am besten bei Sonnenschein zu besichtigen sind, weil sie so satt grün, gelb und blau leuchten wie das Grün der Bäume und Wiesen im Frühling.
Während sich Marc Chagall den Kirchenfenster widmete, aß er abends oft in der Kronenhalle und traf dort Joan Miró. Heute hängen sie an der Wand, die Werke der beiden Künstler. Ebenso wie ein echter Cézanne und Picasso. Doch die Gäste, Herren mit goldenen Manschettenknöpfen neben Frauen mit Perlenketten, haben nur Augen für das Züricher Ge schnetzelte mit Rösti. Doch spätestens im Oktober werden sie für einen Blick auf einen Picasso Schlange stehen, denn dann beginnt in der Kunsthalle die Picasso-Ausstellung als Hommage an 1932. Damals hatte der 50-jährige Picasso auf dem Höhepunkt seiner Karriere eine Ausstellung mit rund 225 Gemälden konzipiert. Das Besondere: Der weltberühmte Künstler hatte die Gemälde selber ausgesucht und auch im Kunsthaus kuratiert. Auch sonst beeindruckt das Kunsthaus mit seiner bedeutenden Sammlung von Gemälden – vor allem jene von Alberto Giacomettis – Skulpturen, Fotos und Videos. Und diese werden diskutiert. Kinder und Erwachsene stehen mit ihrem Audio-Guide vor den Bildern und unterhalten sich angeregt. Kunst in Zürich ist eben cool und lebendig. Und vielseitig interpretierbar. Wie das Kunstwerk, das ein kleiner Junge im Restaurant Hiltl, dem ersten vegetarischen Restaurant Europas, mit blauen Stiften und ausholender Bewegung auf das Treppengeländer aus Glas gemalt hat. Die Eltern sitzen auf zusammengewürfelten Stühlen wie zu Großmutters Geburtstag, speisen herrlich duftendes indisches Curry und rätseln, was ihr kleiner Sprössling da gerade kreiert hat. Ob das wohl der kleine Dada ist?
2004 suchte das Künstlerduo Com&Com 2004 Eltern, die ihrem Kind den Namen „Dada“ gaben und fanden sie auch. Dies war das Eröffnungsprojekt des Cabaret Voltaire im jungen Viertel Niendorf, denn das eigenwillig und kreativ gestaltete Haus in der Spiegelgasse war 1916 Geburtshaus der Kunstrichtung Dada. Und wie wächst die Wiedergeburt von Dada auf? Ist sie in der Ausstellung oder im Cabaret präsent? „Nein, sie wächst als fremdbestimmtes Kunstobjekt sehr autonom auf. Wir haben keinen Kontakt“, erklärt Direktor Philipp Meier. Er steckt in einer Art taubenblauen Uniform, Nerd-Brille auf der Nase, weißen Sneakers und hat lässig das eine Hosenbein im Socken stecken, während spiegelverkehrt ein Hemdzipfel aus der Hose hängt. Jonathan Meese, der wohl radikalste, verspielteste und durchgeknallteste deutsche Künstler, war auch schon hier und hat ein glühend rotes Kunstwerk an einer der voll gemalten und beklebten Wände hinterlassen. „Das ist gut und gern 100.000 Franken wert“, meint Philipp Meier. Allerdings sei der Wert ihnen nicht wichtig, das würde wie alle Werke hier mit neuem überklebt. Auch die Chapman-Brüder, die sich mit ihrem Werk meist an der Grenze zum Tabubruch bewegen, haben sich angekündigt. Alles dada, oder was?
Und so ist es dem ein oder anderen manchmal etwas zu lässig, zu angesagt, zu schick. „Am Anfang habe ich mich sogar aufgestylt, um zum Bäcker zu gehen“, erzählt Stefanie Zeng, die vor anderthalb Jahren der Liebe wegen in die Schweizer Metropole zog. Das nimmt sie mittlerweile gelassener, vor allem weil „man jede Menge Lebensqualität geboten“ bekäme. „Du kommst von der Arbeit und springst in den See, mitten in der Stadt“, erzählt sie. Im Sommer gibt es für sie keinen besseren Ort. Wo sonst gibt es Flussbäder mitten in der Stadt, die sich abends kurzerhand in eine Bar verwandeln? Wo sonst ist man innerhalb von zehn Minuten im Grünen und joggt durch die Stadt ohne eine Kohlenmonoxidvergiftung zu riskieren? Und wo sonst kann man zwar nicht vom Boden essen, aber durchaus aus den 1.200 Brunnen in der Stadt quellfrisches Wasser schlürfen? Allerdings hat es schon gedauert, sich einzugewöhnen, sagt die 31-Jährige. Eine lange Zeit habe sie hier zwar gewohnt, aber nicht gelebt. Mittlerweile
ist Zürich für sie wie eine große helle Altbauwohnung mit Stuck an der Decke, Holzdielen auf dem Boden und heimeligen, aber hippen Designermöbeln: einfach zum Wohlfühlen.
|
Information: Anreise Mit SWISS oder Lufthansa von allen großen deutschen Flughäfen nach Zürich. Zürich Card Alle öffentlichen Verkehrsmittel inkl. Schiff. Oder man nutzt den kosten-losen Fahrradverleih „Züri rollt“ Hotels Hotel Ambassador und Opera in Zürich See Nähe liegen gegenüber der Oper. Ein Wochenende mit Opernbe-such kostet 350 € DZ/Nacht (inkl. Backstage-Tour in der Oper, Drei-Gang-Menü, Frühstück, aber ohne Opernkarten), www.ambassadorotel.ch
Cabaret Voltaire Spiegelgasse 1 Fon +43/268 55 72 00 aktuelle Ausstellung und Programm Einen Besuch wert ist auch das Fotomuseum in Winterthur, 20 Minuten mit der Bahn von Zürich, das zu einem der wichtigsten Museen seiner Art in der Welt zählt: Grüzen Strasse 44 Fon +41/52/234 10 60 Restaurants Ur-Zürich-Speisen, da wo die großen Künstler an der Wand hängen und den Stars auf den Teller schauen Restaurant Kronenhalle, Rämistr. 4 Fon 41/442 62 99 00 Europas ältestes vegetari-sches Restaurant mit riesiger Salatbar und indischem Buffet sowie köstlichen frisch gepressten Säften und selbst zubereiteten Limonaden (unbedingt probieren Zitronen-Ingwer-Limonade), wo auch Fleischessee zufrieden und gesättigt nach Hause gehen Haus Hiltl, Sihlstr. 28 Fon +41/442 27 70 00 www.hiltl.ch |
Perfekter Ort für Spätaufsteher: In der ehemaligen Metzgerei Restaurant Adlisberg, Adlisbergstr. 75 Beautysalon und Bar in einem für entspannte Stunden mit Freundinnen: Gasthaus auf dem Dolder Berg mit traditionellen Spezialitäten und ausschließlich Schweizer Produkten Fon +41/442 66 91 91 www.adlisberg.ch In der ehemaligen Schiffsbauhalle genießt man gepflegtes Ambiente und eine exquisite mediterrane Küche LaSalle Restaurant & Bar, Schiffbaustraße 4 Schminkbar,Beatengasse 9 Fon +41/433 33 08 08, www.schminkbar.ch; der Fon +41/44 224 47 11 www.spruengli.ch
die Traditionskonditorei schlechthin: Café Schober Napfgasse 4,
Fon +41/442 58 70 77 Zürichs ältester Nachtclub Club Mascotte Theaterstr. 4 Fon +41/442 60 15 80 www.mascotte.ch Ein Hotspot der Szene, wo einst gehandelt wurde und heute nur noch gefeiert wird: Alte Börse, Bleicherweg 5 Fon +41/442 21 22, www.alteboerse.com Fon +41/444 44 10 00, www.hardone.ch |

































